Kunstpartner Kalender 2015

Da schau her

Der Blick, das Schauen, das Gesicht.

Streifzüge jenseits der Macht und diesseits des Glücks.

Von Helmut Hein

Schauen oder angeschaut werden. Subjekt oder Objekt des Blicks sein; und des Begehrens, das an ihm haftet. Das ist die entscheidende Opposition: in der Politik und der Strafjustiz, in der Kunst und in der Erotik.

Die Machttechniker der Renaissance wussten genau, wer wo hingehört. Die Herrschenden in den Palazzo weit oben auf dem Berg, wo man alles seiner Blickkontrolle unterwerfen kann, während die eigene Existenz diskret, verborgen bleibt. Und das Volk auf die Piazza unten im Tal, wo man gesehen wird, von allen, vor allem aber von den Machthabern, und selbst nicht sieht, jedenfalls nicht seine Herren.

In den Gefängnissen und frühen Psychiatrien des späten 18. Jahrhunderts radikalisierte sich dieses Verhältnis noch. Raffinierte Architekturen und optische Systeme sollten dafür sorgen, dass die Wärter jederzeit alle und alles im Blick hatten und selbst dabei unsichtbar blieben. Foucault und andere haben darüber geschrieben. Macht hat immer auch mit den Informationen zu tun, die man hat und die man verweigern kann.

Wie aber sieht es in der Erotik aus? Vordergründig ähnlich, in Wahrheit aber ganz anders. Meint jedenfalls Sartre, der Philosoph des Blicks und des Begehrens. Solange man schaut, ist man zwar, scheinbar zumindest, souverän. Aber man kann keine Lust empfinden. Der Maitre de plaisir ist ein armer Hund. Sein Genuss ist bestenfalls parasitär, den wirklkich Genießenden abgeschaut. Lust und Erfüllung gibt es nämlich nur in der Objektposition, wenn man die Augen schließt, nur noch Fleisch ist und alles mit sich machen lässt. Das Gesicht ist das Terrain von Ekstase, Exzess und Euphorie, sofern es auf die bannende Macht des Blicks verzichtet. Das Auge darf nur noch Spiegel sein. Oder noch besser: stumpf, opak.

Aber wie verhält es sich in der Kunst? Wer der Auffassung ist, es brauche einen Plan, dem sie folgt, der wird sicher auf die Dominanz des Blicks setzen. Die Erfindung der Zentralperspektive am Beginn der Neuzeit ist ihr drastischster Ausdruck: Macht euch die Erde untertan! Aber können so wirklich Schönheit und Glück entstehen; oder auch nur die Fülle des Daseins, die unterschiedslos alles beinhaltet? Sicher nicht. Der perspektivische Blick macht selbst die Liebe zum Kontrakt und das Vergnügen, auch das ästhetische, zu einer Sache der Technik. Nichts geschieht, was nicht schon erwartet wurde.

Das fand nicht nur der Surrealist Breton trostlos und öde. Abenteuer des Herzens kann es nur geben, wenn der reine Zufall regiert. Sein Agent ist der Flaneur, der ziellos durch die Stadt streift. Sein müder Blick hat mit Herrschaft nichts mehr zu tun. Der Sammelinstinkt des Herumstreifenden folgt nicht der berechnenden Gier, sondern einer diffusen Bereitschaft: Die ganze Welt geht durch mich hindurch! Mein Auge und mein Herz sind die Orte, wo alles seinen Platz hat; selbst das scheinbar Wertlose, das nur die andere Seite des Wunders ist. Der Ethnograph Michel Leiris, der nicht nur in Afrika, dem damals dunklen Kontinent, nach dem Außergewöhnlichen suchte, beschwor mitten in Paris das Heilige im Alltagsleben.

Die bildende Kunst hat es sicher mit Blicken zu tun, aber hoffentlich nicht mit abschätzenden. Wenn sie sich nicht selbst kastriert, dann ist ihr jedes Gesicht recht; nicht nur das schöne, zugerichtete; das sogar zuallerletzt, weil es am wenigsten zeigt.

KünstlerInnen

Florian Geissler

Helmut Hein

Silvia Jilgs

Rayk Amelang

Barbara Regner

Ekkehard Keppler

Birgit Szuba

Bernhard Maria Fuchs

Tone Schmid

Alina Buga

Peter Nowotny

Georg Tassev

Peter Liebl

Annerose Riedl

Beteiligte

Herausgegeben von

Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler

Digitale Fotografie

Wolfram Schmidt

Gesamtherstellung

KARTENHAUS KOLLEKTIV Grafische Dienste GmbH
Gedruckt auf Inapa Infinity von PAPIER UNION und Rembrandt Cedro von PAPYRUS mit stochastischem ­FM-Rasterverfahren

SponsorInnen

Ambulantes OP-Zentrum im CRC, Apotheke aktiv und Gefäßzentrum Regensburg
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Architekturbüro C. Setz
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