Kunstpartner Kalender 2016

Erde und Wind

Das Geschenk des Windes

Von Herbert Grabe

Auf halber Höhe zwischen Meeresküste und Bergkamm leuchtet Sabinosa als weißer Fleck im dunstigen Grünblau des Lorbeerwaldes. Es ist ein letzter Posten der Zivilisation am Rand der großen Bucht, die auf El Hierro Golfo heißt. Die Straße windet sich zunächst durch das Dorf und seine Häuser, bevor sie nach dem mit einer Steinbalustrade eingesäumten Hauptplatz zum Meer abfällt. Als löchriges Asphaltband zieht sie sich entlang der furiosen Brandung weiter nach Westen, führt an der Küstenplatte von Arenas Blancas vorbei und in Serpentinen hinauf zum Aussichtspunkt Lomo Negro.

Sabinosa ist von regenfeuchtem Wald umgeben, die Gegend von Arenas Blancas bis zum Veronal-Strand aber ist meist trocken. Ein Vulkanausbruch der jüngeren Geschichte hat große, glatte Lavabrocken hergeschleudert, ein Stück weiter flutet raue Lava unruhig hin zur Steilküste. Ihre Farbe changiert: Braun herrscht vor, Töne wie Kakao und Kaffee, Schwarz kommt hinzu, links und rechts des Weges wiegen sich die grünen, grazilen Blätter der Wolfsmilchbüsche im Wind. Zwischen den Steinen wächst eine Beifußart, öffnen Mittagsblumen ihre Blüten, rechts tobt der Atlantische Ozean. Wellen ringen mit den Felsen, Gischt wird haushoch in die Luft geworfen, glitzert im Licht. Der Boden ist unterminiert, Stetigkeit und Wucht des Wassers haben das Gestein gelockert, aufgebrochen, weggeschoben und große Höhlen zwischen die Basaltsäulen gebohrt.

Ich folge dem Küstenweg, lasse mich vom Wind schieben, weiche Wasserfontänen aus, spüre Salz und gleißende Sonne auf meinen Wangen. An einem Felsbogen bleibe ich nochmals stehen; der Rhythmus der tobenden Wellen erzeugt ein unablässiges Schauspiel, wie soll ich mich da sattsehen?

Schließlich reiße ich mich los. Mein eigentliches Ziel liegt einige hundert Meter höher, durch beeindruckende Kulisse steige ich hinauf. Ein mächtiger Block der Felslandschaft ist aufgerissen wie eine offene Wunde, zum Meer hin glänzt er rot in der Nachmittagssonne. Die Landschaft gewinnt an Farbe, Flechten überziehen das Gestein mit grauen und gelben Tönen, Grün breitet sich aus. Quer zum Hang eine lange Mauer aus Lavabrocken, ­parallel verläuft der Weg dazu, schließlich gestattet ein hölzernes Tor Einlass. Der Pfad ist steil und bei dem staubigen Boden mühsam zu begehen. Es ist die Lava, die als Korn, als Granulat, als dünner Schotter unter den Fußsohlen knirscht.

Bisher umgab mich spärliche Vegetation – neben dem Euphorbiengebüsch ist es hüfthoher Kanarenampfer mit Blättern wie eckige Medaillons, die fast die ganze Insel bekleiden – doch jetzt richtet sich mein Blick auf nie Gesehenes. Silberbleiches Holz, verzogen, gewunden und gedehnt, Bäume mit liegenden Kronen, von Bartflechten behangen. Es sind bizarre Geschöpfe, die dem Raum zwischen Meer und Bergen eine neue Markierung verleihen: Die Wacholderlandschaft von El Sabinar.

El Hierro ist die äußerste westliche Insel der Kanaren, deren weiteste Ausdehnung kaum dreißig Kilometer fasst und die doch fünfzehnhundert Meter in die Höhe reicht. Ein besonderer Wind jagt seine Regenfrachten gegen die Nordwände des Eilands, der Nordostpassat. Der Süden der Insel hingegen erfährt kaum Niederschläge, ist trocken und wenig fruchtbar. Das Phänomen dieses Windes entsteht in den Wäldern der Tropen, aus ihnen verdunstet die Feuchtigkeit, wird hoch in der Luft durch die Passatwinde nach Nordosten getrieben, kühlt ab, fällt weit über dem Äquator nieder, ändert die Richtung und dringt wie eine Walze nach Südwesten zurück. Genau dort, wo die Inseln des makaronesischen Archipels liegen, bilden die Nordostflanken der höheren Berge von Madeira, der Azoren und der Kanaren eine Barriere und hindern einen Teil des Regens am Weiterziehen.

Die Lorbeerwälder dieser Erhebungen strecken ihre Finger in die Nebelschwaden, melken gleichsam den Wind und versorgen nicht nur Gagelbaum, Stinklorbeer, Erdbeerbaum, Baumheide und Mocanal mit Wasser, sondern auch unzählige weitere Pflanzen der Laurisilva. Über der Cumbre, der Scheidelinie zwischen Nord und Süd, zwischen üppigem Grün und spärlicher Vegetation hängt die große Wolke oft tagelang und kein Versuch, sich auszudehnen, will gelingen. Sabinosa, das Dorf am Nordhang bleibt feucht, doch Faro de Ochilla, der Leuchturm an der südlichen Meeresküste muss auf den Regen verzichten.

Westlich des herreñischen Lorbeerwaldes liegt eine schiefe Ebene. Ausgedehnte Graslandschaften, Kiefernhaine, Zistrosen, die fast das ganze Jahr blühen. Ihr Name: La Dehesa, ihre Besonderheit: Sie ist Gemeineigentum, öffentliche Schafweide und bezaubernd schön. Weit schaue ich über Zäune, schlafende Vulkane, Mulden und Erhebungen. Die Augen halten sich am Atlantik fest, der mit mattem Blau in der Ferne versinkt. In der Mitte zwischen Meer und Standort ragen die unruhigen Formen großer Pflanzen auf und die Erinnerung an den Tag, als ich zum ersten Mal im Wacholderwald von El Hierro mit seinen vielgestaltigen Bäumen stand, ist mit dem Panorama verwoben.

Sind diese Skulpturen des Widerstands gegen die Luftströme wirklich gewöhnliche Bäume? Ihr Silber schillert weiß und grau, ist nur scheinbar glatt, viel eher spröde und zerrissen, ihr Grün von dunkler Farbe mit abweisenden Spitzen. Früher standen sie dichter, waren sie ein natürlicher Schutz für Weidetiere, doch im Laufe der Jahrhunderte wurden sie durch den Menschen ausgelichtet. Sie sind als schnell wachsende Sturmformen hart im Nehmen, sind Pionierpflanzen, die sich gerne in Bodensenken in die Erde krallen. Ihr Alter? Zweihundert, vielleicht dreihundert Jahre. Extravagant ist ihr Wuchs, der nach einer Phase der Vertikalen in die Waagrechte wechselt. Deswegen gelingt es in El Sabinar, Bäumen über die Schulter zu sehen. Von Lomo Negro aus schaute ich ihnen ins Gesicht, von der Dehesa aus wenden sie mir ihren Rücken zu – neigen sich nach Südwest, bücken sich, richten sich auf, fallen erneut, setzen den Stößen des Windes ihr beständiges Wachsen entgegen, richten sich wieder auf und verlieren sich in ihren jungen Trieben. Sie erinnern, hundertfach in den hinabfallenden Hang gestreut, an Akteure eines stillen Theaters. Nein, dies sind keine gewöhnlichen Bäume, es sind Geschenke, Geschenke des Windes.

KünstlerInnen

Aldo Canins

Matthias Eckert

Katja Fischer

Karin Fleischer

Bernhard Maria Fuchs

Regine Herzog

Christina Kerscher

Hans Lankes

Matthias Schlüter

Wolfram Schmidt

Maria Seidenschwann

Renate Selmayr

Liz Zitzelsberger

 

Essay: Herbert Grabe

Kalendervorstellung und Ausstellungseröffnung

am Sonntag, 15.11.2015 um 11.00 Uhr

im Restaurant Leerer Beutel
Bertoldstraße 9
93047 Regensburg

Ausstellungsdauer:
15.11.2015 - 05.02.2016

Öffnungszeiten:
Di - So: 11.00 bis 23.00 Uhr
Mo: 19.00 bis 23.00 Uhr

Beteiligte

Herausgegeben von

Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler

Digitale Fotografie

Wolfram Schmidt
Herbert Stolz

Gesamtherstellung

KARTENHAUS KOLLEKTIV Grafische Dienste GmbH
Gedruckt auf Inapa Infinity von PAPIER UNION
mit stochastischem ­FM-Rasterverfahren

SponsorInnen

Ambulantes OP- Zentrum und Gefäßzentrum
Regensburg im CRC
Architekturbüro Stefan Ebeling
Architekturbüro Hoppstock
Architekturbüro C. Setz
ARCHITEKTURBÜRO M2.LÖSCH
Atelier Kunst inklusiv der Katholischen Jugendfürsorge
AWO-Sozialzentrum am Schlosspark, Regendorf
Dr. F. Böhmer & Dr. N. Rinner, Zahnärzte
J. Boellert, Landschaftsarchitekt
Buchhandlung Dombrowsky
ConBrio Verlag und neue musikzeitung
Creditreform Regensburg Aumüller KG
Dental-Keramik Poljakow & Müller
DÖMGES ARCHITEKTEN AG
Hein Eßer, Praxis für Physiotherapie
eveca GmbH – Internet & Befragungen
gbg - Geotechnisches Büro Geyer
Immobilien Wingerter GmbH
JURETZKA ARCHITEKTEN, Weiden
KARTENHAUS KOLLEKTIV Grafische Dienste GmbH
KulturAgentur Alex Bolland
OSTWIND AG
Paluka Sobola Loibl & Partner, Rechtsanwälte
Privatpraxis Günter Knarr
Rechtsanwälte Schlachter und Kollegen
Restaurant Leerer Beutel
Samabor Pelz + Modedesign
Ferdinand Schmack jun. GmbH
Wolfram Schmidt FOTOGRAFIE
Herbert Schwarzfischer,
Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht
Weinkontor Sinzing
Rudi Woch, Versicherungsmakler - Finanzberatung
SponsorInnen ohne Ortsangabe: Regensburg

Künstlerinnen und Künstler bis 2016

Alois Achatz
Rayk Amelang
Sabine Angerer
Beate Armann
Manfred Außerbauer
Katja Barinsky
Ludwig Bäuml
Quirin Bäumler
Katja Barinsky
Giulio Bazzanella
Ines Berger
Brigitte Berndt
Annette Bohn-Meinecke
Susanne Böhm
Ursula Bolck-Jopp
Alfred Böschl
Martin van Bracht
Reiner Braun
Peter Brey
Max Bresele
Jürgen F. Brück
Michael Bry
Alina Buga
Aldo Canins
Klaus Caspers
Renate Christin
Gisela Conrad
Alfred Dick
Peter Dorn
Svenja Doyen
Matthias Eckert
Gretel Eisch
Lisa Endriß
Peter Engel
Elisabeth Ensenberger
Elisabeth Ettl
Irene Fastner
Georg Fiederer
Katja Fischer
Karin Fleischer
Roswitha Frank
Irene Fritz
Bernhard Maria Fuchs
Susanne Gatzka

Florian Geissler
Michaela Geissler
Theo Geißler
Bettina Glas
Heinrich Glas
Erich Gohl
Stefan Göler
Elmar Göppl
Gisela Griem
Harald Grill
Wolfgang Grimm
Bärbel Gufler
Barbara Haack
Ute Haas
Herta Habarta
Zita Habarta
Peter Habermeier
Gabi Hanner
W. A. Hansbauer
Thomas Hart
Christian Havlicek
Johannes Heide
Helmut Hein
Martin Herler
Regine Herzog
Wolfgang Herzer
Ludwig Hirtreiter
Rainer Hoenke
Stephan Antonius Hofbauer
Angeliki Hofmann
Renate Höning
Bärbel Hornung
Georg Hornung
Michaell Hottner
Jürgen Huber
Elke Hummel
Benno Hurt
Susanne Ibler
Silvia Jilgs
Günther Kempf
Ekkehard Keppler
Christina Kerscher
Wolfgang Keuchl
Anton Kirchmair

Harald Klinger
Günther Klobouk
Wilhelm Koch
Jutta Kohlbeck
Jennifer Kollmann
Katharina Kollmannsberger
Thomas Kristen
Heribert Krotter
Birgit Kübler
Kunstchristl
Hans Lankes
Caro Lanzendörfer
Georg Laschinger
Peter Liebl
Stefan Link
Judith Lipfert
Bernadette Maier
Renate Meerwald
Maria Meier
Susanne Memmert
Alexander Moses
Sandra Münchow
Susanne Nietmann
Peter Nowotny
Alois Öllinger
Helmut Ohlschmid
Inge Oldenburg
Michael Pickl
Sebastian Pöllmann
Örni Poschmann
Rudolf Pospieszczyk
Rupert D. Preißl
Franz Pröbster-Kunzel
Barbara Proksch
Thomas Rauh
Barbara Regner
Raimund Reiter
Janna Riabowa-Leitl
Annerose Riedl
Aco Ristic
Sara Rogenhofer
Isabelle Roth
Stephanie Sabatier
Christine Sabel

Gerd Schäl
Jörg Schemmann
Paul Schinner
Matthias Schlüter
Tone Schmid
Wolfram Schmidt
Christian Schnurer
Frank Scholz
Bernadette Schöller
Verena Schönhofer
Jürgen Schönleber
Mario Schoßer
Kerstin Schrems
Astrid Schröder
Cecile Schuck
Monika Schultes
Johann Schwarzfischer
Maria Seidenschwann
Renate Selmayr
Conny Siemsen
Werner Sperlich
Ingrid Stang
Barbara Stefan
Ina Steiner
Sabine Straub
Birgit Szuba
Georg Tassev
Dazi Tyroller
Inken Töpffer
Markus Voit
Maja Vogl
Richard Vogl
H. E. Erwin Walther
Helga Weichmann-Schaum
Franz Weidinger
Gertrud Wenning
Philip Wiegard
Sabine Wild
Herta Wimmer-Knorr
Helmut Wolf
Wolfgang Wroblewski
Werner Ziegler
Liz Zitzelsberger