Kunstpartner Kalender 2018

ROT GELB GRÜN BLAU

VON DER FARBE DES MEERES

Tom Kristen

Wir Künstler/Innen dürfen heute den Werkstoff Farbe ganz selbstverständlich benutzen und als verfügbar betrachten. Das Angebot ist vielfältig und praktisch: abgefüllt in schraubbare Tuben, Dosen, Näpfchen und Büchsen für jede Technik, für jede Anwendung. Streichbar, sprühbar, druckbar, wunderbar! Dank moderner Chemie gibt es eine unglaubliche Vielzahl an Farbstoffen für jeden Zweck und für jede Anwendung. Noch nie hatten es Kreative so einfach und bequem. Erst vor 155 Jahren wurde auf der Weltausstellung in London von der Firma Windsor & Newton eine bahnbrechende Erfindung vorgestellt: „Die Farbtuben haben es uns ermöglicht, in freier Natur zu malen. Ohne sie hätte es weder einen Cézanne noch einen Manet gegeben, auch nicht den Impressionismus.“ (Auguste Renoir)

Leider hat diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten. Industriell hergestellte Farben waren und sind sehr oft von unzureichender Qualität. Viele Nutzer erdulden diesen Umstand klaglos und oft ahnungslos zugunsten der ökonomischen Verfügbarkeit. Um Farben günstig anzubieten, werden diese mit Füllstoffen „verschnitten“. Ihr Pigmentanteil wird mit billigen Pigmenten geschönt und nach Vorgaben bemessen, die vielleicht zufrieden stellen, aber keine Begeisterung auslösen.

Dabei ist es in vielen Fällen eigentlich ganz einfach, Farbe selbst herzustellen:

Malfarben bestehen immer aus zwei Komponenten: Das Pigment, ein farbiges Pulver, wird mit einem Kleber gebunden. Es genügt z.B. etwas Leinöl, ein Ei und Wasser in einem Glas zu schütteln, um eine klassische Eitempera zu erhalten. Für Acrylfarben gibt es fertige Binder. Der Pigmentanteil wird selbst bestimmt, dann werden Pigment und Binder auf der Palette gemischt.

Diese Erfahrung war für mich und meine Arbeit eine Offenbarung, ein Befreiungsschlag. Das Material wurde formbar, ich erhielt  eine geraubte Dimension zurück. Konsistenz, Dichte, Fließfähigkeit, Körper, Trocknungseigenschaften, Glanzgrad, Transparenz, Transluzenz wurden wieder zu steuerbaren handhabbaren Eigenschaften. Zu diesen Möglichkeiten fügte sich auch eine Bewusstwerdung der Traditionen und Geschichte der Verwendung von Farbstoffen und deren „Evolution“ in Bezug auf kulturhistorische Entwicklungen, Entdeckungen und Erfindungen.

Ausgrabungen in Südafrika beweisen, dass der Mensch bereits vor 100.000 Jahren Farben benutzte. Man fand Ockerreste in Muschelschalen. Die Farbe wurde also schon damals aufbewahrt. Die Höhlenmalereien in Nordspanien und Südfrankreich sind etwa vor 12 -17.000 Jahren entstanden. Als Farben wurden Pigmente verwendet, die aus dem direkten Umfeld stammten. Lange Zeit mussten sich die Menschen mit einer sehr eingeschränkten Farbpalette begnügen: Schwarz aus geriebener Kohle, weißer Kalk oder Vogelkot und gelbe bis rote Erden (auch in gebrannter Form) bildeten den Farbkasten.

Erst die Bergwerke der Bronzezeit bereicherten die Farbpalette um mineralische Grüntöne aus Malachit und Azurit.

Eine hochinteressante Geschichte zur Entwicklung der Kulturen und ihr Verhältnis zu Farben findet sich im Buch „Im Spiegel der Sprache“ des israelischen Linguisten Guy Deutscher.

Im 19. Jahrhundert fiel dem profunden Homer-Kenner William Gladstone auf, dass in der kompletten Illias und in der Odyssee kaum Farben benannt wurden. Lediglich Schwarz, Weiß, Rot, Gelb und Violett fanden Erwähnung. Weiter bemerkte der Autor, dass zwar viele Dinge als „bunt“ beschrieben, aber direkte Nennungen von Farben nicht stimmig waren. Die Griechen aßen „grünen Honig“ und fuhren über das „weindunkle Meer“. Kein einziges Mal wurde die Farbe Blau erwähnt. Gladstone kam zur Erkenntnis, dass sich der Farbsinn der Griechen erst nach der Antike entwickelt haben müsse. Der Sprachwissenschaftler Lazarus Geiger entdeckte wenig später, dass sich diese angebliche Farbenblindheit der antiken Griechen auch in der Bibel fand (rote Pferde, rote Kühe) und sich ebenso in den über 10.000 Verse umfassenden indischen Veden auch keine Erwähnung von Blau fand. Geiger fiel weiter auf, dass sich die Farbenwörter über die Zeit nach einem festen Schema entwickelten: zuerst Rot, dann Gelb, dann Grün und zuletzt das Blau.

Im frühen 20. Jahrhundert bemerkten mehrere anthropologische Expeditionen, dass dieses Phänomen vielen Urgesellschaften eigen ist und diese nicht zwischen Schwarz und Blau oder auch Grün und Blau unterscheiden, obwohl sie alle Farben wahrnehmen und auch richtig einordnen konnten.

Guy Deutscher kommt in seinem Buch zum Schluss, dass Farbnamen als eine Art Kulturleistung in Verbindung mit ihrer Handhabbarkeit entstehen. Farben sind nur dann wichtig und erhalten eigene Namen, wenn man sie als gegenständlich empfindet, sie vor allem herstellen kann. Dies war auch der Grund, warum einzig die Ägypter einen Namen für die Farbe Blau hatten. Nur sie waren fähig, einen Blauton herzustellen.

Nach dem Zusammenbruch der antiken Gesellschaften mussten Künstler durch fehlende Handelsrouten und verschwundene Herstellungskenntnisse bis zum Mittelalter mit einer sehr eingeschränkten Farbpalette auskommen. Erst als Marco Polo von seinen Reisen das „Blau von jenseits der Meere“, das berühmte „Azurium ultramarinum“ und den Farbstoff Indigo nach Venedig brachte, wurde die Farbpalette bunter und endlich durch „handhabbare“ Blautöne ergänzt, die aber so wertvoll waren, dass mit dem Ultramarinblau aus Lapislazuli nur der Himmel und der Marienmantel gemalt wurden.

Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents und die Kolonialzeit bereicherten die Farbpalette um viele neue Pigmente und um viele spannende Geschichten, die jede für sich Bücher füllen würde: Aus dem eingedampften Urin von Kühen, denen man in der indischen Gluthitze ausschließlich Mangoblätter zu fressen und kaum zu trinken gab, wurde Indischgelb gewonnen. Erst als in England ein synthetischer Ersatz entdeckt wurde, verbot man diese Tierquälerei. In Südamerika entdeckte man die Cochenille, eine Lausart, die getrocknet und zerrieben den Farbstoff „Karmin“ lieferte, der neben Campari (bis 2007) und Ramazotti Amaro noch heute Lippenstifte färbt.

Das 1706 vom Apotheker Johann Jakob Diesbach zufällig entdeckte erste synthetische Blau finanzierte zeitweise durch erhobene Ausfuhrzölle fast die Hälfte der Preußischen Staatskasse. Preußischblau, Berlinerblau, Pariserblau oder Miloriblau bezeichnen alle den gleichen Farbton, der noch heute das typische Blau für z.B. Tinte, Durchschlagpapier und Kugelschreiberminen liefert. Kurioserweise schwemmt dieser Farbstoff, in der Medizin als Medikament verwendet, Thallium und Caesium aus dem Körper. Darum wurde er nach dem Reaktorunfall von Fukoshima stark nachgefragt von den dortigen Bauern, die den Farbstoff an die Kühe verfütterten.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Farbpalette immer reichhaltiger. Neben den Chrom- und Kadmiumpigmenten entstanden aus den Nebenprodukten bei der Teerherstellung in den Kokereien die Anilinfarbstoffe, die bis in die 70er Jahre hinein die Bäche hinter den Papiermühlen einfärbten, wenn große Aktendeckelbestellungen abgearbeitet wurden.

Heutzutage steht den KünstlerInnen ein umfangreiches Farbspektrum zur Verfügung, und aktuelle technische Entwicklungen werden künftig die Palette der Töne noch erweitern.

Mein Fazit ist: Farben sind ein Geschenk der Erde. Sie entstehen in mystischer Transformation, wenn beispielsweise aus gelber Erde gebrannter roter Ocker wird. Farbe ist eingedampftes Kulturgut, Gegenstand religiöser Verehrung, Substanz der Alchemie, Grundlage moderner Chemie. Farbe als Material hat eine hohe Bedeutung für mich seit dieser Erkenntnis. Seither kaufe ich immer die beste Farbe, die ich bekommen kann oder stelle sie selber her. Erstaunlich ist, dass sich mein Palettenumfang dadurch eher reduziert hat.

Schmunzelnd denke ich dabei an Picasso: „Wie so oft habe ich im Begriff, Blau aufzutragen, festgestellt, dass keins mehr da war. Ich nahm einfach Rot und setzte es an Stelle des Blau hin. Nichtigkeit geistiger Dinge!“ (Pablo Picasso, 1957)

KünstlerInnen

Tom Kristen

Sarah Blümel

Helmut Rösel

Josef Roßmaier

Nina Seidl-Hermann

Rita Karrer

Wolfgang Bauer

Stefan Giesbert Fromberger

Stefan Bircheneder

Paula-Jiun No

Frank Scholz

Axel T Schmidt

Bernhard Dagner

Katharina Claudia Dobner

Beteiligte

Herausgegeben von

Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler

Digitale Fotografie

Wolfram Schmidt

Gesamtherstellung

KARTENHAUS KOLLEKTIV Grafische Dienste GmbH
Gedruckt auf Inapa Infinity von PAPIER UNION
mit stochastischem ­FM-Rasterverfahren

SponsorInnen

Ambulantes OP- Zentrum im CRC, Dres. Rieve/Lindner
und Kolleginnen
Architekturbüro Stefan Ebeling
Architekturbüro Gerd Hoppstock
Architekturbüro Carola Setz
ARCHITEKTURBÜRO M2.LÖSCH
Atelier Kunst inklusiv der Katholischen Jugendfürsorge
AWO-Sozialzentrum am Schlosspark, Regendorf
Bayerische Staatsforsten AöR
Dr. Frank Böhmer & Dr. Norbert Rinner, Zahnärzte
J. Boellert, Landschaftsarchitekt
Buchhandlung Dombrowsky
ConBrio Verlag und neue musikzeitung
Creditreform Regensburg Aumüller KG
DÖMGES ARCHITEKTEN AG
Donau-Einkaufszentrum Regensburg
dp architekten Greßmann Söllner Partnerschaft mbB
eveca GmbH
gbg - Geotechnisches Büro Geyer
Gefäßzentrum Regensburg, Dr. Bosse, Dr. Mann,
Dr. Röntgen
Immobilien Wingerter GmbH
JURETZKA ARCHITEKTEN, Weiden
KARTENHAUS KOLLEKTIV Grafi sche Dienste GmbH
KulturAgentur Alex Bolland
ORIENTALES & dry fruit
OSTWIND AG
Palletti Bar
Pianohaus Metz
Privatpraxis Günter Knarr
Rechtsanwälte Schlachter und Kollegen
Restaurant Leerer Beutel
Samabor Pelz + Modedesign
Ferdinand Schmack jun. GmbH
Wolfram Schmidt FOTOGRAFIE
Herbert Schwarzfi scher,
Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht
Weinkontor Sinzing
Zeller Projektsteuerung

SponsorInnen ohne Ortsangabe: Regensburg

Künstlerinnen und Künstler bis 2018

Alois Achatz
Rayk Amelang
Sabine Angerer
Beate Armann
Manfred Außerbauer
Katja Barinsky
Wolfgang Bauer
Ludwig Bäuml
Quirin Bäumler
Katja Barinsky
Giulio Bazzanella
Ines Berger
Brigitte Berndt
Stefan Bircheneder
Sarah Blümel
Annette Bohn-Meinecke
Susanne Böhm
Ursula Bolck-Jopp
Alfred Böschl
Martin van Bracht
Reiner Braun
Peter Brey
Max Bresele
Jürgen F. Brück
Michael Bry
Alina Buga
Aldo Canins
Klaus Caspers
Renate Christin
Gisela Conrad
Bernhard Dagner
Alfred Dick
Katharina Claudia Dobner
Peter Dorn
Svenja Doyen
Matthias Eckert
Gretel Eisch
Lisa Endriß
Peter Engel
Elisabeth Ensenberger
Elisabeth Ettl
Irene Fastner
Georg Fiederer
Katja Fischer
Karin Fleischer
Roswitha Frank
Irene Fritz
Stefan Giesbert Fromberger
Bernhard Maria Fuchs
Susanne Gatzka

Florian Geissler
Michaela Geissler
Theo Geißler
Bettina Glas
Heinrich Glas
Erich Gohl
Stefan Göler
Elmar Göppl
Gisela Griem
Harald Grill
Wolfgang Grimm
Bärbel Gufler
Barbara Haack
Ute Haas
Herta Habarta
Zita Habarta
Peter Habermeier
Gabi Hanner
W. A. Hansbauer
Thomas Hart
Christian Havlicek
Johannes Heide
Helmut Hein
Martin Herler
Regine Herzog
Wolfgang Herzer
Ludwig Hirtreiter
Rainer Hoenke
Stephan Antonius Hofbauer
Angeliki Hofmann
Renate Höning
Bärbel Hornung
Georg Hornung
Michaell Hottner
Jürgen Huber
Elke Hummel
Benno Hurt
Susanne Ibler
Silvia Jilgs
Rita Karrer
Günther Kempf
Ekkehard Keppler
Christina Kerscher
Wolfgang Keuchl
Anton Kirchmair

Harald Klinger
Günther Klobouk
Wilhelm Koch
Jutta Kohlbeck
Jennifer Kollmann
Katharina Kollmannsberger
Thomas Kristen
Heribert Krotter
Birgit Kübler
Kunstchristl
Hans Lankes
Caro Lanzendörfer
Georg Laschinger
Peter Liebl
Stefan Link
Judith Lipfert
Bernadette Maier
Renate Meerwald
Maria Meier
Susanne Memmert
Alexander Moses
Sandra Münchow
Susanne Nietmann
Paula-Jiun No
Peter Nowotny
Alois Öllinger
Helmut Ohlschmid
Inge Oldenburg
Michael Pickl
Sebastian Pöllmann
Örni Poschmann
Rudolf Pospieszczyk
Rupert D. Preißl
Franz Pröbster-Kunzel
Barbara Proksch
Thomas Rauh
Barbara Regner
Raimund Reiter
Janna Riabowa-Leitl
Annerose Riedl
Aco Ristic
Sara Rogenhofer
Josef Roßmaier
Isabelle Roth
Helmut Rösel
Stephanie Sabatier
Christine Sabel

Gerd Schäl
Jörg Schemmann
Paul Schinner
Matthias Schlüter
Axel T Schmidt
Tone Schmid
Wolfram Schmidt
Christian Schnurer
Frank Scholz
Bernadette Schöller
Verena Schönhofer
Jürgen Schönleber
Mario Schoßer
Kerstin Schrems
Astrid Schröder
Cecile Schuck
Monika Schultes
Johann Schwarzfischer
Maria Seidenschwann
Nina Seidl-Hermann
Renate Selmayr
Conny Siemsen
Werner Sperlich
Ingrid Stang
Barbara Stefan
Ina Steiner
Sabine Straub
Birgit Szuba
Georg Tassev
Dazi Tyroller
Inken Töpffer
Markus Voit
Maja Vogl
Richard Vogl
H. E. Erwin Walther
Helga Weichmann-Schaum
Franz Weidinger
Gertrud Wenning
Philip Wiegard
Sabine Wild
Herta Wimmer-Knorr
Helmut Wolf
Wolfgang Wroblewski
Werner Ziegler
Liz Zitzelsberger